Wir waren in Ghana
Reise nach Ghana
„Akwaaba“ heißt in der ghanaischen Landessprache Twi: „willkommen!“. „Akwaaba Waldkirche“ stand auf dem großen Plakat, mit dem Pfarrer Benjamin Asare im Gedränge der Ankommenden auf dem Internationalen Flughafen von Accra schon auf uns wartete. „Akwaaba Waldkirche“, so wurden wir immer wieder begrüßt auf den verschiedenen Stationen unserer Reise, mit Plakaten und mit Begrüßungsansprachen, mit Tänzen, Dankgebeten, mit Trommeln und mit Chorgesang.
Drei freiwillige Helfer, zwei junge Männer und eine Studentin, hatte Pfarrer Asare mitgebracht. Sie hatten sich eigens Zeit genommen, um uns in den ersten Tagen unserer Reise zu begleiten. Sie gaben bereitwillig Auskunft über alles, was uns interessierte, und sorgten unauffällig dafür, dass wir unbeschadet unsere Ziele erreichten. Schon der Begleitschutz für unsere Gruppe und ihre zahlreichen Gepäckstücke auf dem Weg von der Flughafenhalle bis zu dem auf dem Parkplatz wartenden Bus war eine Meisterleistung.
Unsere Reisegruppe umfasste 17 Personen, darunter waren 5 Jugendliche und 3 Mitglieder der Stuttgarter Presbyterian church of Ghana. Am Vormittag waren wir von Stuttgart nach Amsterdam gestartet und hatten am Nachmittag bei herrlicher Sicht einen Flug über die Al-pen, das Mittelmeer und die Wüstengebiete der Sahara erlebt. Bei der Ankunft in Ghana war
es schon Nacht, und so konnten wir es kaum erwarten, nach dem langen Flug endlich im Tagungszentrum des presbyterianischen Frau-enwerks anzukommen. Es liegt am Rande von Abokobi, tatsächlich nur ca. 30 km vom Flughafen entfernt, was einem bei den schlechten Straßen-verhältnissen aber mindestens doppelt so lang vorkommt. Dort erwartete uns eine sehr gepflegte, großzügige Anlage mit geräumigen Zimmern, einem Versammlungsraum, einem Speisesaal und dem von einer Gemeinde aus Aalen erbauten „Sommerhut“-Pavillon im Grünen.
Die nächsten Tage starteten wir unsere Unternehmungen von Abokobi aus. Besonders neugierig waren wir auf den Neubau der Junior High School in dem Ort Weija, der von der Wald-kirchengemeinde mitfinanziert worden war. Wir erwarteten eine Besichtigung des Gebäudes, ein Gespräch mit den Lehrern und dem Schulleiter über den weiteren Ausbau. Doch was wir erlebten, überstieg alle unsere Erwartungen. Der Platz vor der Schule war mit Fähnchen ge-schmückt. Die Schüler warteten schon sehnlichst in der Sonne auf unsere Ankunft, eine Abordnung holte uns mit Tänzen und Trommeln am Bus ab, um uns zu den gepolsterten Eh-renplätzen zu geleiten. Unserem Kommen wurde offenbar eine riesige Bedeutung beige-messen. Der ganze Lehrkörper war anwesend, der Rektor hielt eine eindringliche Ansprache, es waren Kir-chen- und Staatsvertreter, sowie lokale traditionelle Stammesvertreter anwesend. Man veranstaltete zu un-seren Ehren ein großes Schulfest.
So konnten wir zwar keinen konkreten Einblick in tatsächliche Lerninhalte wie Lesen, Schreiben, Rechnen gewinnen. Aber wir waren beeindruckt von den Darbietungen der Schüler, die ihre Tänze und Gedichte mit großem Selbst-bewusstsein, aufrechter Haltung, gutem Blickkontakt, lauter Stimme, mit Witz und Humor vortrugen. Der Stammeshäuptling des Ortes erklärte feierlich, er habe sich mit der rivalisierenden Familie geeinigt, Einigkeit sei ja doch die Grundlage für allen Fortschritt später.
Wir besuchten nicht nur von uns unterstützte Projekte, sondern erhielten einen Eindruck vom bunten, lauten Stadtleben in Accra mit grossen Märkten und völlig verstopften Strassen, aber auch fast monumentalen modernen Bauten, die oft mit den Namen ausländischer Investoren versehen sind, dazwischen immer wieder kaputte Strassen, offene Abwasserkanäle, provisorische Hütten oder Marktstände. Wir sahen das Meer, schön, aber leider an vielen Stellen sehr verschmutzt. Wir besuchten beeindruckende Gottesdienste verschiedener ghanaischer Gemeinden und erlebten immer wieder Offenheit, Fröh-lichkeit, Gastfreundschaft. Der Bischof der Pres-byterianischen Kirche (man spricht dort vom „Moderator“) empfing uns in seiner Residenz und dankte uns herzlich für die Gastfreundschaft, welche die Stuttgarter Gemeinde in der Wald-kirche genießt.
Pfarrer Benjamin Asare organisierte, begleitete und führte die ganze Tour, gegen Ende war auch seine Frau Gloria mit dabei. Er war immer freundlich, ruhig und geduldig. Geduld zu haben, ist beim Reisen in Ghana überaus wichtig, da sämtliche Zeitangaben relativ zu sehen sind (z. B die Angabe „in etwa ½ Stunde sind wir da“ kann bedeuten, dass man ca 3 –4 Stunden später da ist, während man bei der Aussage „wir halten gleich an“ von etwa 20-30 Minuten weiterer Fahrtzeit ausgehen sollte). Die deutschen Teilnehmer waren aber durchaus lernbereit und insgesamt war die Stimmung während der Reise durchgehend fröhlich.
In Agogo hatten wir eine eindrückliche Begegnung mit Vertretern der dortigen sehr erfolg-reich arbeitenden Klinik der Presbyterianischen Kirche, in diesem Fall der Augenklinik. Wir sahen den beeindruckenden Volta-Staudamm und das Elektrizitätswerk, das nicht nur Ghana, sondern auch benachbarte Grenzregionen versorgt. Wir sahen in Weija eine moderne Wasseraufbereitungsanlage. Dazwischen immer wieder auf holprigen Straßen lange Fahrten übers Land, mal bei Regen, mal im Sonnenschein, aber eigentlich immer mit einer üppigen grünen Vegetation.
Gegen Ende der Woche fuhren wir nach Cape Coast und nahmen an einer sehr bewegenden Führung durch die ehemalige Handelsburg teil. Wir sahen die grauenvollen Verliese, in denen Frauen und Männer dicht gedrängt ohne Licht gefangen gehalten wurden, bis sie auf das Schiff kamen, das sie in das Bestimmungsland brachte, an das sie verkauft worden waren. Durch das „door of no return“ zu gehen, war kaum auszuhalten. Präsident Obama war kürz-lich hier, um seiner Verbundenheit mit Afrika Ausdruck zu verleihen. Heute hat man das Tor umbenannt zu „door of return“. Es soll allen offen stehen, die mithelfen wollen am Aufbau des Landes.
Ghana ist ein ungemein reiches Land: reich an Boden-schätzen, an Kakao und Edelhölzern, an Wasser und Energie. Dass bei diesem Reichtum des Landes so viele Menschen in Armut leben, blieb für uns ein großes Rät-sel, das wir auf unserer Reise nicht lösen konnten. Der größte Reichtum des Landes sind jedoch die Menschen, ihre Herzlichkeit und Fröhlichkeit, ihre Gastfreundschaft und ihr Glaube, der ihnen hilft zu überleben und die Be-schwerlichkeit eines mühsamen Alltags tapfer zu ertragen.
Gudrun Jacobi und Eberhard Grötzinger