Mit einer Mitarbeiterin der Diakonie auf Morgentour

„Urteile nie über einen Menschen, bevor Du nicht einen Tag in seinen Schuhen gelaufen bist!“

Wie wahr! Also eile ich als ständiger Beobachter, Anforderer, Meckerer und Bes- serwisser gegenüber der Diakoniestation in aller Herrgottsfrühe zu ihr hin, um eine alltägliche Morgentour zu begleiten. Noch liegen die kleinen Smarts in ihren blau-weißen Farben unter Puderschnee, tückisch, denn drunter versteckt sich das blanke Eis! Gleich gegen halb sieben sollen diese kleinen Autos Hilfe bringen in unsere und vier weitere Gemeinden. Jede der 6 Touren geht zu ca. 26 Patienten. Neben der Wohnküche versam meln sich im Sekretariat die Sechs, die zur ersten Tour ausschwirren. Sie geht von halb sieben bis gegen zwei Uhr mittags. Frau Nadine Nägele (27), Leiterin der Station, betritt um 6.02 Uhr ihr Büro, gut gelaunt und fröhlich. Sogleich wird sie dringend belagert und gebeten, einen beantragten Urlaub etwas abzuändern. Im Sekretariat werden blaue Henkelkörbe mit Listen, Schlüsseln, Tabletten gefüllt. Peggy (27) füllt den ihren und bekommt mich als Begleiterin zur Seite.

 

„Das ist gut, dass Sie mitkommen! Falls wir stecken bleiben, kann einer schieben, und Gewicht bringen wir auch aufs Eis.“ Nur noch eine Zigarette im Freien. „Im Auto ist es uns strengstens untersagt.“ Mit jugendlichem Elan werden die Scheiben in der noch dunklen Nacht frei gekratzt, Antenne 1 bringt uns in Schwung. „Die Heizung wärmt erst richtig durch, wenn die Tour zu Ende ist“, sagt sie lachend, ganz im Dialekt ihrer Heimatstadt Berlin. „Nur das schwäbische Wort für Schippe hatte ich erst nach fünfmaligem Anlauf verstanden. Konnte dem gehbehinderten Herrn dann doch noch geschwind die drei Stufen vom Schnee frei schaufeln. Gerne mache ich hie und da einen Extra-Gefallen, wie Müllbeutel runter bringen oder Post raufholen, aber für das Zeitaufwendige ist ja unsere Hauswirtschafterin abrufbereit.“

 

Auf geht`s über Eispisten in den Stuttgarter Westen. „Der ist mir oft lieber. Die Patienten dort sind nicht so anspruchsvoll wie die im Norden.“ Ich nicke und schäme mich ein wenig. 6.40 Uhr. Im Parterre gleich links wohnt Frau Y, betagt, die Beine machen nicht mehr mit. Im Flur herrscht Eiseskälte. Frau Y hat das Bad, das Essen, das Schlafen, die Pflege, die Toilette, das Wohnen, alles in einen Raum konzentriert, und nur der muss warm sein – aber wie! Zwischen einem schweren braunen Bücherschrank, Esstisch und Sessel, Fernseher und Hänselchen, dem Kanarienvogel, bahnen sich Berge von Einlagen. Unterm Fenster zur Straße hin steht das elektrisch zu steuernde Pflegebett. Der Esstisch mit seinen vier Stühlen ist bedeckt mit Tabletten, Boxen für Plastikhandschuhe, Plastikschna- beltassen. Vor einer Flügeltür thront der fahrbare Toilettensitz, zur anderen hin eine Hebeanlage, um schwere Körper zu entlasten. Frau Y ist nicht schwer, sie liegt hustend und röchelnd im Bett „So spät heute?“ „Na, Frau Y!“ „Kein schöner Tag heute!“ Husten und Röcheln. „So war das noch nie!“ „Heute nicht waschen, Frau Y?“ „Mach’ ich allein,“ antwortet sie auf klarem Sächsisch. „Gut, ich hole schon mal Wasser.“ „Montag ist kein guter Tag!“. „Heute haben wir Dienstag.“ „So war das noch nie!“ Peggy eilt heran mit warmem Wasser und zweierlei Cremes, wäscht wunschgemäß gemeinsam und salbt liebevoll den Rücken. Die Haarbürste ist unauffindbar. Ich helfe mit meiner aus. Frau Y strahlt mich an, wir zwei bewundern ihre Haare. Mit einem tiefen Seufzer lässt sie sich auf den kleinen, mit etlichen Kissen ausgepolsterten Sessel hieven, schlägt die Beine übereinander und harrt dem Frühstück entgegen. Peggy saust und rührt Banane ins Müsli, trägt weiche Eclairs heran. „Oh, auf den heißen Tee habe ich mich schon die ganze Nacht gefreut!“ Aber erst einmal aus dem Schnabelbecher den Hustensaft! Dann noch Medizin für den Darm, sowie auf den ersten Müslilöffel, gemahlen in einer speziellen Mühle, Tabletten. Wir plaudern über ihre Heimatstadt Dresden. Sie strahlt. Ich verspreche, wieder zu kommen. „Meine Schwester vermisse ich sehr, so allein!“ 7.10 Uhr. Peggy schaltet den Fernseher an. „Ich weiß nicht einmal, welches Programm drin ist.“ Sie schiebt die Vorhänge beiseite. „Bis heute Mittag, Frau Y, dann koche ich Ihnen ein schönes Mittagessen!“

 

Schwester Peggy rutscht schier durch den Eisregen ins Auto. „Fühlen Sie sich gehetzt?“ „Nein.“ 25 Patienten stehen noch an. „Da ist ganz viel Tablettenabgabe heute dabei, Insulin messen, ATS-Strümpfe anziehen, nicht immer große -9-Toilette und Frühstück wie eben.“ Ein paar Straßen weiter wird das kleine Auto geschickt auf einen halben Parkplatz bugsiert. „Bin gar keine gute Autofahrerin“, meint Peggy. Meine Bewunderung hat sie dennoch. 7.27 Uhr. Peggy geht ATS-Strümpfe überziehen. Der pflegenden Ehefrau ist das zu anstrengend. „Muss pünktlich sein, weil die Ehefrau dienstags zum Schwimmen geht. Die Strümpfe sollten vorher fertig sein.“

 

Von der Gedächtniskirche schlägt zwei Mal die Glocke. Eine neue Strasse, neues mehrstöckiges Haus. 7.35. Zigarettenpause in Eiseskälte. Vermummte Kinder laufen zur Schule. „Ist es mühsam mit der ewigen Parkplatzsuche?“ „Oh ja, auf unsere kleinen Diakonieautos will keiner Rücksicht nehmen!“ Hinauf zu einer türkischen Patientin, „nur um Insulin zu messen, bin gleich wieder da.“ „Gibt es dort Sprachprobleme?“ „Nein, eigentlich nicht. Die Tochter ist behindert, sie wird gerade abge- holt zur Tagespflege.“ Hinauf geht`s die Nachbarstraße, ja nicht auf dem Eis hängen bleiben! „Wo ist denn die blaue Mappe, Frau X?“ „Ja, die blaue Mappe, wo ist die denn? Mein Sohn wird sie haben!“ „Ihr Sohn ist im Urlaub!“ „Ach ja, der ist im Urlaub.“ Bei jedem Besuch werden zur Dokumentation Kürzel in die Mappe geschrieben. Frau Y läuft eifrig in ihrem roten langen Frotteemantel hin und her. Ein Wasserglas steht bereits auf einem dunkelroten ovalen Plastikset neben einer aufgefalteten Serviette. „Danke und tschüss bis morgen, jetzt freue ich mich auf meinen Kaffee!“ Zwei Stockwerke höher werden nur Tabletten gewissenhaft in den vorgesehenen Behälter eingeordnet. Energisch rät Peggy ihr von einem heute anberaumten Arztbesuch ab. „Ich kann für Sie das Rezept bestellen, der Arzt kann es Ihnen dann schicken, und ich hole Ihnen die Tabletten.“ „Fein! Danke, Peggy.“ Peggy erzählt bei ihrer Rutschfahrt im Auto von ihrem Fernstudium fürs Abitur, vom Traum, Medizin studieren zu können, vom Albtraum, einmal in einem Altenpflegeheim arbeiten zu müssen. „Frau Z versteckt ihre Tabletten immer. Mal sehen, wo die heute sind.“ Frau Z macht uns freundlich auf. Heute sind die Tabletten gleich gefunden. „Diese Tablette müssen Sie vor dem Frühstück nehmen.“ „Oh, ist das neu?“ „Und diese nach dem Frühstück, dem Magen zu liebe.“ „Danke, dann bis morgen!“

 

Peggy schaut auf die Uhr: 8.02 Uhr! Das ist nicht mehr zu früh für den Patienten in der vornehmen Wohnung. Dort müssen die Beine neu gewickelt werden. Peggy nimmt nebenbei gleich die Stuttgarter Zeitung im lederbezogenen Lift mit hinauf und führt mit dem Herrn ein intensives Gespräch über Stuttgart 21. „Nun Peggy, hier noch ein Griff in die süße Tüte?“ Und ab geht`s den Berg hinauf, um die Ecke hinunter übers Eis. „Ach, das ist gar nichts zu dem Wochenende vor 14 Tagen! Da bin ich sieben Mal im Schnee stecken geblieben. Dann bin ich alles zu Fuß gelaufen, und einige Patienten konnte ich nur noch anrufen.“ Hinunter zum Nachbarhaus von Café Stöckle, hinauf in den 4. Stock zur Tablettenabgabe. 9.02 Uhr. Das Eis auf der Windschutzscheibe rutscht, die Menschen auf dem Gehweg auch. 9.06 Uhr.

 

Peggy kommt und erzählt, wie umsichtig sie handeln müsste, wenn sie dann einmal eine Situation vorfinden würde, die nicht geplant ist. „Dann läuft ein Notfallplan ab, und ich kann auf unser Büro zurückgreifen, das organisiert. Bei Tränen nehme ich mir einfach mal ein wenig mehr Zeit. Weihnachten ist zum Beispiel so eine heikle Zeit. Dann ist es gut, wenn man auf seinen Touren ein wenig die Hintergrundgeschichte der Menschen kennt. Man kann dann besser trösten.“

 

Hinauf zur Höhenlage. Auf dem Weg ein kleiner Zigarettenplausch mit einer Kollegin, die gerade den Berg hinunterfährt. Austausch. „Ja, so lernen wir alle unsere Patienten kennen, ich brauche meine Kolleginnen.“ Herzlichkeit untereinander.

 

In der Villa geht`s hinab in den Keller. Peggy hat alle Schlüssel im Griff. Dort stehen zwei Eisschränke. Geschwind kommen Butter, Marmelade, Wurst und Käse in ein Durchschlagsieb. Oben werden in der Küche Häppchen gerichtet und Tee gekocht, das Frühstück serviert. „Zwei Mal die Woche am Spätnachmittag kommen wir dort zum Baden, und drei Mal die Woche koche ich ein Mittagessen.“

 

Peggy setzt mich ab und steuert ihren weiteren Patienten entgegen. Jetzt sind es nur noch 17. Erschöpft ziehe ich mich zurück und bewundere ihre Arbeit, ihre Geduld, ihre Herzlichkeit. „Gestern hatte ich, weil eine Kollegin ausgefallen war, die Abendschicht geschafft. Heute mache ich dann aber um drei Uhr Schluss. Muss noch 40 Kilometer nach Hause fahren.“ Danke, ihr Leute von der Diakoniestation, dass es euch gibt!

 

(Die Fahrt machte Deike Frey Todsen am 28. Januar 2010.)