Gemeindebrief

Frühjahr 2018

Jesus Christus spricht: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Joh. 20,21    

 

Noch nicht das Ende

Viele Geschichten – sei es in Büchern oder Filmen – nehmen in ihrem Schlussabschnitt dramaturgische Wendungen, die die Spannung auf die Spitze treiben. Oft scheint sich kurz vor Schluss noch einmal alles zum Schlechten zu wenden, bis zu einem Punkt, den ich den Jetzt-ist-alles-aus-Punkt nennen möchte: Der Held liegt am Boden, die Liebe scheint gescheitert, der Kommissar ist mit seinem Latein am Ende. Und als Leser oder Zuschauer werde ich in das Drama mit hineingerissen. Die Spannung ist schon im Begriff, sich in Verzweiflung aufzulösen. Doch gerade dann regt sich innerlich in mir ein Funke der Hoffnung: der Das-kann-noch-nicht-das-Ende-sein-Funke.

Und tatsächlich wird aus diesem Funken oft doch noch ein Feuer. Viele Geschichten wenden sich letztlich zum Guten – anders als gedacht und gerade deshalb berührend. Der Kommissar hat den entscheidenden Gedankenblitz; der Held gewinnt mit letzter Kraft; die Liebe siegt – noch kurz bevor der Zug den Bahnhof verlässt. Und dann ist es tatsächlich zu Ende. Wenn man das Buch zuklappt oder den Fernseher ausschaltet, bleibt dann aber oft das Gefühl, dass die Geschichte doch eigentlich erst richtig losgeht. Manchmal würde man am liebsten noch eine Weile das schöne Ende genießen und würde am liebsten wissen, wie es weitergeht. Doch dort, wo es am schönsten ist, wird nicht mehr weitererzählt.

Wenn man so will, nehmen auch die Evangelien in ihrem Schlussabschnitt solche dramaturgischen Wendungen. Karfreitag wäre dann der Jetzt-ist-alles-aus-Punkt in der Jesusgeschichte. Jesus stirbt am Kreuz.

Und wir ahnen nicht nur, sondern wissen auch: Das kann doch nicht das Ende sein für die Geschichte dieses Menschen, von dem so viel Gutes ausging. Und so endet die Erzählung nicht am Karfreitag, sondern am Ostermorgen. Sie wendet sich zum Guten; vom Tod zum Leben. Jesus ist auferstanden. Und am Ende ist klar: Es war nicht einfach nur die Geschichte eines Menschen, sondern die Geschichte Gottes. Aber auch hier bleibt das Gefühl, dass die Geschichte dort, wo sie aufhört, erst richtig losgeht.

Und so ist es auch gedacht: Wenn wir Ostern feiern, heißt das: Die Geschichte ist auch heute noch nicht zu Ende. Der Punkt, an dem die Evangelien zu erzählen aufhören, ist der Beginn einer Geschichte, von der wir selbst ein Teil sind. Wir werden buchstäblich mit hineingerissen in die Jesusgeschichte und damit in die Wendung vom Tod zum Leben. Unsere eigene Lebensgeschichte und unsere Geschichte als Gemeinde verbindet sich mit der berührenden Geschichte von Jesus Christus. Und weil diese Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist, heißt Ostern schließlich auch: An den Jetzt-ist-alles-aus-Punkten in unserem Leben glimmt hoffnungsvoll der Das-kann-noch-nicht-das-Ende-sein-Funke.

In diesem Sinne grüßt Sie zum Osterfest herzlich

Ihr Vikar