Gemeindebrief

Winter 2016

Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen.
Psalm 130,6 

© Evangelische Waldkirche Stuttgart

 

Ein Advents-Warte-Wort aus Zeiten, in denen die Nacht noch eine echte Bedrohung darstellte. Was für ein Aufatmen, wenn sie überstanden war ohne den Ruf des Wächters: „Feuer!“ – und ohne den Räuber im Schutz der Finsternis. Auch die Heilige Nacht, der wir entgegengehen, kommt nicht ohne Schrecken aus: „Fürchtet euch nicht!“ – das muss den Hirten auf den Feldern von Bethlehem erst einmal zugerufen werden, bevor sie sich auf den Weg machen zu dem Kind im Stall. 

Heutige Nachtphantasien mögen andere sein. Aber was sich da einstellt, ist nicht minder bedrängend. Ungelöste Lebensgeschichten. Sorgen um die Zukunft. Eine Gesellschaft, die sich immer mehr von der Illusion verabschieden muss, sie könnte ohne größere Konflikte auskommen. Schuldzuweisungen und Etiketten, dem Gegner angehängt, statt aufrichtiger Streit um Positionen und Entwicklungen.

Was tun in solchen Zeiten? Eben das: wach bleiben. Hellwach dem Morgen entgegensehen. Mit dem Blick den Horizont absuchen: Wo bleibt er, der erste Silberstreif? In solchem Warten steckt Energie, innere Bewegung, eine Richtung. Es ist ein misstrauisches und zugleich vertrauensvolles Warten. Misstrauisch, weil die wartende Seele sich von nichts und von niemandem etwas vormachen lässt. Vertrauensvoll, weil sie „auf den Herrn“ wartet, mehr als auf alles andere, was angeblich den neuen Morgen heraufziehen lässt.

Der „Seele“, die da wartet, ist nicht mit ein bisschen Psychologie geholfen. Das mulmige Gefühl im Bauch lässt sich nicht mit scheinbarer Vernunft und mit einfachem Rat beruhigen. Die „Seele“ ist der ganze Mensch mit Haut und Haar, in seiner ganzen Existenz. Das biblische Wort dafür bedeutet: Kehle, Begierde, Lebenstrieb. Die Seele ist der Körperteil, in dem, wenn es eng wird, die Angst hochsteigt und der Mensch beginnt, um sich zu schlagen. Das muss wissen, wer das „Nachtwächterbild“ des Psalmbeters belächelt.

Es gibt viele Warte-Orte: das Wartezimmer beim Arzt, ein Bahnhof, ein Krankenbett, das Treppenhaus beim Weg zum Briefkasten, der Stuhl vor dem Telefon, die Zeitung, die über die jüngsten Ereignisse berichtet, die Wand mit dem Adventskalender. Für manche aber auch ein Bibelwort wie dieses: Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen. Der Wächter weiß, wann die Sonne aufgeht. Der Glaube singt in diesen Wochen:

Brich an, du schönes Morgenlicht,
und lass den Himmel tagen!
Du Hirtenvolk, erschrecke nicht,
weil dir die Engel sagen,
dass dieses schwache Knäbelein
soll unser Trost und Freude sein,
dazu den Satan zwingen
und letztlich Frieden bringen. 

Mit herzlichem Gruß zur Weihnachtszeit

Ihr Pfarrer Benz-Wenzlaff