Gemeindebrief

Herbst 2017

Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.   
Lukas 15,10

 

 

Evangelische Waldkirche Stuttgart

Wenn im Herbst die Blätter fallen, lädt uns der Kirchenkalender dazu ein, zurückzublicken und die unangenehmen Dinge nicht unter den Teppich zu kehren. In diesem Herbst 2017 ist es Zeit, noch einmal an Martin Luther zu erinnern. Mit seinen Thesen vor genau 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, hat er wohl ohne es zu wissen eine Revolution eingeläutet.

Dabei bediente er sich jener altmodischen und streng klingenden Wörter wie „Sünder“ und „Buße“ in der tiefen Überzeugung, sie hätten etwas mit Freude zu tun, ja sogar mit himmlischer Freude „vor den Engeln Gottes“. Hier klingt und schwingt Musik! Engel sind uns sympathisch, Sünde und Buße dagegen haben ausgedient. Selbst Kirchenleute sind damit vorsichtig geworden; damit könnten sie nur noch mehr Menschen verprellen als ohnehin schon die Kirche verlassen haben.

Doch Martin Luther ist damit klar auf der Spur Jesu geblieben: die Freude „über einen Sünder, der Buße tut“ – der also umkehrt von einem falschen und gefährlichen Lebensweg, illustrierte Jesus in seinen Gleichnissen vom Himmelreich, das viel näher ist als irgendwo hinter den Wolken. Es ist, sagt Jesus, wie bei dir und mir zu Hause. Oder wie mit einer Frau, die einen großen Batzen Geld verloren hat – und doch wiedergefunden, und wie sich freut und ihre Freundinnen einlädt und ihnen mit glänzenden Augen von ihrem Fund erzählt. Lesen Sie dazu das Lukas-Evangelium, Kapitel 15!

Buße tun heißt "umkehren in die offenen Arme Gottes.“ So formulierte es Martin Luther im Katechismus. Und weiter heißt es: „Dazu gehört, dass wir die Sünden herzlich erkennen, vor Gott und in gewissen Fällen auch vor Menschen bekennen, bereuen, hassen und lassen und im Glauben an Jesus Christus in einem neuen Leben wandeln."

Weil es Herbst ist und die Blätter fallen, bleibe ich deshalb altmodisch und halte an den streng-fröhlichen Wörtern der Glaubenssprache fest. Es soll ja vorkommen, dass Dinge, die wir gerne unter den Teppich kehren, plötzlich und unangenehm an ganz anderer Stelle wieder zum Vorschein kommen.

Und dann gibt es auch moderne Vorstellungen von „Sünde“ und „Buße“, nur haben sie da andere Namen erhalten. Sie sind zum Bestandteil einer säkularen, weltlichen Religion geworden. Diese Religion kommt ohne Gott aus, aber nicht ohne Menschen, die als „Sünder“ und „Leugner“ betrachtet werden. Sie kommt ohne Gebet aus, aber nicht ohne Prediger, die uns sagen, wo es lang zu gehen habe. „Buße“ muss tun, wer sich den Regeln des Zeitgeistes nicht unterwirft. Diese Religion kennt allerdings weder Engel noch Gesang noch Vergebung.

Umkehren in die Arme Gottes: das kann man nur für sich selber tun. Wer anfängt, anderen vorzuhalten, wo sie sich auf dem Holzweg befänden und wer das „Sündersein“ nur bei ihnen entdeckt, sollte vorsichtig sein: vielleicht befinden sich diejenigen, die allzu schnell als „Sünder“ abgestempelt werden, viel näher bei den göttlichen Armen – oder sogar mittendrin.

Mit herzlichem Gruß

Ihr Pfarrer