Gemeindebrief

Angedacht

© ©Jörg Kohler-Schunk

Maria Magdalena auf dem Seitenflügel des Barbara-Altars in der Evangelischen Johanneskirche in Schwaigern

EVANGELISCHE MAGDALENENKIRCHENGEMEINDE STUTTGART

„Magdalenenkirchengemeinde – das klingt so geschmeidig!“

„Endlich gibt es in Stuttgart einen Frauennamen für eine evangelische Kirche!“

„Meint Ihr die Freundin von Jesus?“

Das sind nur drei Reaktionen auf den Namen unserer neuen Gemeinde. Im Januar 2021 ist es so weit mit der Fusion. Um es gleich vorweg zu sagen: Jede Kirche behält ihren Namen, aber als Gemeinde werden wir uns ‚Magdalenenkirchengemeinde‘ nennen.

Wählen Eltern für ihr neugeborenes Kind einen Namen, dann müssen sie anschließend von allen Seiten nette und auch manchmal kritische Kommentare über sich ergehen lassen, obwohl sie sich viele Gedanken über den Namen ihres Kindes gemacht haben. Meistens haben sich schon nach kurzer Zeit alle Besorgten an den Namen gewöhnt und rufen das Kind bei seinem Namen. Manche finden erst im Laufe ihres Lebens einen Zugang zu ihrem eigenen Namen und entwickeln im besten Fall auch eine Liebe für ihn. Und so wird unsere Gemeinde vielleicht auch erst in einigen Jahren „ganz richtig“ zu einer Magdalenenkirchengemeinde. Im Moment sind mir die offenen Nachfragen am liebsten, und davon gab und gibt es viele: „Warum Maria Magdalena?“

Tauchen wir ein bisschen ein in die biblischen Informationen, die wir über Maria aus Magdala erhalten. Sie war der Jesusbewegung offenbar so nah, dass in allen vier Evangelien von ihr berichtet wird. Ihr Heimatort war Magdala, das heutige Migdal in Israel, ein kleiner Ort nördlich von Tiberias am Westufer des Sees Genezareth. Das Wort „Migdal“ kommt aus dem Hebräischen und bedeutet so viel wie „Turm“ oder „Wachturm“. „Magdala“ ist die aramäische Form davon – so sprachen die Leute zur Zeit Jesu. Dieser Name deutet wohl auf eine größere, befestigte Stadt hin. In den vergangenen Jahrzehnten wurde das antike Migdal durch Ausgrabungen sichtbar gemacht. Straßenpflaster, öffentliche Plätze, eine Hafenanlage und eine Synagoge aus dem ersten Jahrhundert n. Chr. (also aus der Zeit Jesu) wurden entdeckt.

Nur im Lukasevangelium erfahren wir mehr über die Person der Maria aus Magdala: Und es begab sich danach, dass er (Jesus) von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf zog und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes; und die Zwölf waren mit ihm, dazu etliche Frauen, die er gesund gemacht hatte von bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, genannt Magdalena, von der sieben Dämonen ausgefahren waren, und Johanna, die Frau des Chuza, eines Verwalters des Herodes, und Susanna und viele andere, die ihnen dienten mit ihrer Habe. (Lukas 8,1-3)

Ganz arm kann Maria aus Magdala also nicht gewesen sein; Genaues über ihren gesellschaftlichen Stand wissen wir aber nicht. Offensichtlich gab es noch mehr Frauen, die die Nachfolger Jesu mit ihrem Hab und Gut unterstützten. Auffällig ist, dass Marias Herkunft eigens erwähnt wird: aus Magdala. Das lässt nicht nur darauf schließen, dass sie ihren Heimatort verlassen hat, sondern auch, dass sie nicht verheiratet war, denn sonst hätte sie wie die Frau des Chuza durch die Heirat ihren eigenen Namen verloren.

Nur im Lukasevangelium wird über die Krankheit („sieben Dämonen“) und die Heilung von Maria Magdalena berichtet. In allen vier Evangelien dagegen erfahren wir etwas über ihre Nachfolge. Tatsächlich folgt sie Jesus mit anderen bis nach Jerusalem, bis zu seinem Tod am Kreuz – und sie wird Zeugin seiner Auferstehung. So erzählt es das Matthäusevangelium: Es sahen aber dort viele Frauen von weitem zu, die Jesus von Galiläa nachgefolgt waren und ihm gedient hatten; unter ihnen waren Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus und Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus. Maria Magdalena ist auch dabei, als Josef von Arimathäa Jesu Leib in die Familiengruft legt: Und Josef nahm den Leib und wickelte ihn in ein reines Leinentuch und legte ihn seine neue Gruft, die er in den Felsen ausgehauen hatte; und er wälzte einen großen Stein an die Tür der Gruft und ging weg. Es waren aber dort Maria Magdalena und die andere Maria, die dem Grab gegenübersaßen. Maria und die anderen Frauen sind Zeuginnen der Kreuzigung, damit riskieren sie ihr eigenes Leben. Auch für die Grablegung werden sie als Zeuginnen benannt. Sie laufen nicht weg – es sind mutige Frauen. (Matthäus 27)

Den stärksten Eindruck hat wohl der Bericht vom Ostermorgen hinterlassen. Auch da sind Maria Magdalena und die anderen Frauen Zeuginnen der Ereignisse: Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich. (Markus 16, 1-8)

Diese Nähe zu Jesus in den Momenten seines Sterbens und seiner Auferstehung haben Maria Magdalena in der Erinnerung der Kirche zur Apostola Apostolorum gemacht, zur „Apostelin der Apostel“, auf Deutsch: zur abgesandten Botschafterin an alle, die nach ihr gesandt wurden, um die Botschaft Jesu in die Welt zu tragen.

Wie kommt es nun, dass Maria Magdalena in der Kunstgeschichte immer wieder mit langen Haaren dargestellt wird? Auch wird sie sehr oft mit einer namenlosen Sünderin gleichgesetzt, die Jesus bereits zu Lebzeiten salbt und zum Trocknen ihre Haare benutzt: Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Alabastergefäß mit Salböl und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu netzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit dem Salböl. (Lukas 7)

Offensichtlich hat das Salbungsmotiv die Menschen sofort an Maria aus Magdala denken lassen. Im Text handelt es sich aber um eine unbekannte Frau, was auch immer sie getan hat.

 

 

© ©Jörg Kohler-Schunk

Maria Magdalena auf dem Märtyrer-Altar in der Evangelischen Johanneskirche in Schwaigern

Die wohl schönste und zärtlichste Begegnung zwischen Maria Magdalena und dem auferstanden Jesus erzählt uns das Johannesevangelium. In der Osternachtsliturgie und in vielen Gottesdiensten hat diese Erzählung ihren festen Platz. „Noli me tangere!“ – „Rühr mich nicht an!“, antwortet der Auferstandene, als Maria ihn fragt, ob er ihr Rabbuni, ihr Meister, sei.

Als Erste erhält Maria Magdalena vom Auferstandenen den Auftrag, zu den Jüngern zu gehen und ihnen seine Worte weiterzugeben: „Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: „Ich habe den Herrn gesehen“ und was er zu ihr gesagt habe.“ (Johannes 20)

Wie es mit Maria Magdalena nach dieser Begegnung mit dem Auferstandenen weitergegangen ist, bekommen wir von verschiedensten Legenden erzählt. Demnach soll sie später als Einsiedlerin in der Provence gelebt haben. Der heutige Wallfahrtsort Vézelay erlangte durch Reliquien der Heiligen Maria Magdalena schon im 9. Jahrhundert Bedeutung. In evangelischen Kirchen wird Maria Magdalena jedoch eher unter dem Kreuz Jesu dargestellt.

Viele Anknüpfungspunkte, um sich dieser interessanten Frau zu nähern, gibt es. Ein Schatz an Erinnerungen, der nur darauf wartet, in unserer neuen Magdalendenkirchengemeinde entdeckt zu werden.

Lassen Sie diese Geschichten auf sich wirken – und vielleicht gewinnen Sie ja unseren neuen Gemeindenamen richtig lieb!

Ihre Pfarrerin Barbara Wenzlaff

 

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