Gemeindebrief

Sommer 2018

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Offenbarung 21,2    

© Evang. Kirchengemeinde Stuttgart Waldkirche

 

Das Wort „heilig“ wird häufig mit zwei gegensätzlichen Eigenschaften in Verbindung gebracht. Entweder: besonders gläubig – oder: verrückt. Vielleicht sind das auch gar keine Gegensätze, denn sie haben eine Gemeinsamkeit: beiden, den Gläubigen und den Verrückten wird nachgesagt, dass sie in ihrer eigenen Welt leben. Beide, die Gläubigen und die Verrückten gehen immer wieder auf Abstand zur „normalen“ Welt des täglichen Lebens und zu seinen Herausforderungen. Beide haben Sehnsucht nach etwas ganz und gar Neuem. 

Ist es diese Sehnsucht nach einer neuen Welt, die dem Seher der Offenbarung die „heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel“ vor Augen stellt? 

Vorerst müssen wir uns mit dem „alten“ Jerusalem begnügen. Weit zurück in die Tiefen der Geschichte reichen die Erinnerungen. Zahllose Schichten uralten Gesteins wurden von Archäologen freigelegt, sie erzählen von Belagerung, von Krieg und Vertreibung, vom Schicksal der Bewohner, von Herrschern, die kamen und wieder gehen mussten. 

Aber gerade auch dieses alte Jerusalem verbindet sich mit Sehnsüchten. Namen wie König David und König Salomo hängen an dieser Stadt, ebenso die Geschichte Jesu und der ersten Christengemeinde. 

Die Stadtverwaltung von Jerusalem hat eine besondere Stelle eingerichtet für – meist christliche – Touristen, die „durchdrehen“. Dort können sie psychologischen Rat und Betreuung erhalten, wenn die Sehnsucht mit ihnen durchgeht und sie sich selbst für Jesus oder für einen Propheten halten.

Christen und Muslime hatten immer besondere Probleme mit dem „alten“ Jerusalem: Steine und Menschen erinnern sie daran, dass hier der Ursprung ihrer Mutterreligion liegt: das Judentum. Für Christen waren die Trümmer des jüdischen Tempels ein Beweis dafür, dass es mit der Mutter aus Stein und ihren Menschen zu Ende sei und bald das neue Jerusalem kommen werde. Muslime wussten sehr wohl, dass auch sie ihren Ursprung im fernen Jerusalem hatten, obgleich die Stadt im Koran kein einziges Mal erwähnt wird. Jerusalem war die Gebetsrichtung der ersten Muslime – bald schon wandten sie der Stadt den Rücken zu und beteten in Richtung Mekka. Dass sie sie heute wieder für „heilig“ halten, steht auf einem anderen Blatt. 

Es gibt ein jüdisches Sprichwort, das sagt: Die Luft von Jerusalem macht weise. Nicht heilig, sondern weise. Warum wohl? Wenn man sie auf sich wirken lässt mit offenen Augen und Ohren, wenn man Steine erzählen lässt und Menschen beim Namen nennt, dann gewinnt man ein Bild von der Wirklichkeit dieser Stadt und benötigt keine besondere psychologische Betreuung. 

Noch im Juli wird eine Gruppe aus der Waldkirchengemeinde sich auf den Weg nach Jerusalem machen: 
Jugendliche mit Ihren Eltern, Pfarrehepaar Barbara Wenzlaff und Eckhard Benz-Wenzlaff, Vikar Jörg Karle. Wir werden davon erzählen!

Mit herzlichem Gruß

Ihr Pfarrer