Gemeindebrief

Herbst 2018

Und als Jesus nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen. Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.

(Lukas 19,41-44)

 

Noch einmal Jerusalem an dieser Stelle: Das liegt daran, dass die Reise nach Jerusalem in mir nachklingt, und ich weiß: es geht auch anderen so, nicht nur der Reisegruppe aus Kindern, Jugendlichen und Eltern, sondern auch den Daheimgebliebenen. Viele wollten wissen: Wie war`s dort? Vikar Jörg Karle, dazu einige Kinderstimmen sind auf diesen Seiten zu lesen – dazu gibt es Bilder. 

Ich lasse mich hier von diesem wunderschönen Foto inspirieren: Dominus Flevit heißt die kleine Franziskanerkirche auf dem Ölberg mit Ausblick auf die Stadt. Was fällt Ihnen zuerst ins Auge? Die goldene Kuppel des muslimischen Felsendoms ist von faszinierendem Glanz; sie scheint alles andere in den Schatten zu stellen. Irgendwo rechts im Hintergrund, fast schon ein Suchbild: die grauen Kuppeln der Grabeskirche, geweiht am 13. September des Jahres 335. Sie ist eine der ältesten Kirchen der Welt, die griechischen Christen nennen sie „Anastasis“ (Auferstehung), denn sie ist der Ort der Erlösung. Links hinter der goldenen Kuppel: die deutsche evangelische Erlöserkirche, geweiht am Reformationstag 1892 im Beisein von Kaiser Wilhelm II.

Die Evangelischen sind in Jerusalem spät angekommen.

So zeigt sich das alles, wenn man zur Kirche hinausschaut. Das Fenster selbst bleibt im Dunkeln. Dabei ist es dem Betrachter näher als alles andere: Kreuz und Dornenkrone Jesu, wenn man sie wahrnimmt, rahmen die Stadt in eine schmerzhafte Perspektive. Die Schönheit des Ortes kann darüber hinwegtäuschen, dass hier der Tränen Jesu über Jerusalem gedacht wird. 
Dominus Flevit heißt: Der Herr weinte. Jesus sieht die Stadt und – damals – den Tempel daliegen, er ahnt die Angst und das bevorstehende Leid, und weint. Ihr Schicksal und das der Menschen geht ihm nahe.

Was mir auffällt: Er kritisiert sie nicht, er weint um sie. Das ist ein Unterschied, denn heute ist viel Kritik und Empörung zu hören – über Jerusalem, über einen Konflikt, den wir von fern betrachten, als ob wir schon wüssten, „was dem Frieden dient“ und wer Schuld daran hat, dass kein Friede ist. Wissen wir`s eigentlich unter uns, in unseren eigenen Konflikten?

Im Fensterrahmen von „Dominus Flevit“ verschmelzen Schönheit und Schmerz geradezu – und der Blick zur „Anastasis“ öffnet den Horizont auf den Ort der Erlösung: sie kommt aus Jerusalem.

Mit herzlichem Gruß

Ihr Pfarrer