Gemeindebrief

Frühjahr 2019

Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.

(Johannes 19,19-20)

© Evangelische Waldkirche Stuttgart

 

„Aus dem Weg, ich muss tanzen!“ steht auf dem Stoffbeutel einer jungen Frau, die sich auf dem Schlossplatz bereitmacht, genau das zu tun. Mit ihr haben sich zahlreiche andere Menschen am Karfreitag in Stuttgarts Zentrum versammelt, um gegen das Tanzverbot an Feiertagen zu demonstrieren.“

So berichteten die „Stuttgarter Nachrichten“ im vergangenen Jahr. „Tanzt den Karfreitag“ hieß es. Musik aus Lautsprechern erfüllte den Platz.

Bald ist wieder Karfreitag. Der Ton ist schärfer geworden. Es geht darum, welchen Raum „Religion“ im öffentlichen Raum einnehmen darf. Oder soll. Viele sind der Meinung, der Einfluss der Kirche müsse zurückgedrängt werden. Zu viel Versagen, zu groß ihr Sündenregister über die Jahrhunderte hinweg.

Immerhin, dass Christen den Karfreitag innerhalb ihrer eigenen Mauern feiern, dagegen hatten die Demonstranten nichts einzuwenden.

In der Tat geht es an Karfreitag um eine Auseinandersetzung. Wenn man so will: um eine Demonstration. Und wie meistens, weist auch diese Demonstration auf einen Missstand hin, der beseitigt werden soll. Um es kurz zu sagen: Karfreitag ist die Bankrotterklärung der Menschheit. Der Offenbarungseid. Ihre Taten gehen weit darüber hinaus, was sie je wiedergutmachen könnte. Ob man darüber so einfach „hinwegtanzen“ kann, als ginge einen das nichts an?

Die Kreuzigung Jesu geschah in aller Öffentlichkeit. Der Grund dafür war oben auf dem Todesinstrument zu lesen in allen Sprachen des multikulturellen Jerusalem. Obwohl schon damals unterschiedliche Meinungen zu Jesus herrschten: so wirklich tanzen mochten auch seine Gegner nicht. Beide haben einiges auf dem Kerbholz: die Freunde Jesu wie auch seine Gegner. „Einer unter euch wird mich verraten.“ Mitten ins Gesicht sagt er das seinen Jüngern. Sie spüren genau: Jeder von uns könnte es sein. Erschreckt fragen sie: „Herr, bin ich's?“  

Auch seine Gegner eschrecken. Im Angesicht des gewalttätigen Todes Jesu stimmt ihre Welt nicht mehr: ein Erdbeben bringt den Boden unter ihren Füßen ins Wanken. Dieser Tote steht wie kein anderer Mensch für das Leben. In seinem Schrecken darüber ist ein Römerhauptmann der Erste, der das Bekenntnis ausruft: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“

Man muss nicht gläubig sein, um dies zu begreifen. Es reicht schon, wenn der Blick auf den gekreuzigten Christus die Ahnung entstehen lässt: hier hat einer in aller Öffentlichkeit demonstriert, dass Weinen und Lachen und Schrecken und Tanzen eng beieinanderliegen. So eng, dass man an Karfreitag beinahe tanzen könnte.

Mit herzlichen Segenswünschen zum Osterfest

Ihr Pfarrer