Gemeindebrief

Sommer 2019

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde.

(1. Mose 1,27-28)

 

„Ein Kind ist das Schlimmste, was man der Umwelt antun kann. Jedes nicht in die Welt gesetzte Kind bedeutete eine CO2-Einsparung von rund 58,6 Tonnen pro Jahr.“ – Wer schreibt denn so etwas? Die Autorin dieser Zeilen heißt Verena Brunschweiger, sie ist Lehrerin und hält Kinder für eine Umweltsünde. Oder das hier: auf einer Facebook-Seite unter der Überschrift „kinderfrei“ lacht eine glückliche junge Frau und öffnet ihre Arme, als wollte sie die vom Sonnenlicht durchflutete bunte Wiese umarmen und den Wald gleich dazu. Aber mitten drin auf dem Foto voller Romantik steht zu lesen: „Fortpflanzen ist scheiße.“ Hass gegen Kinder – und gegen Eltern, die so altmodisch sind, noch eine Familie zu haben.

Die Skepsis gegen das Leben nimmt absurde Formen an. Ob die jungen Leute, die zurzeit „für das Klima“ auf die Straße gehen, sich auch schon vorgenommen haben, einmal keine Kinder zu bekommen – als ihr ganz persönlicher Beitrag für eine bessere Welt? Welche Phantasie haben sie von ihrer Zukunft? Die Predigerin des Schlussgottesdienstes beim Evangelischen Kirchentag rief der protestierenden Jugend zu: „Wir haben Gott auf unserer Seite.“

Ich bin da nicht so sicher. Die Sorge um die Welt und die Sehnsucht nach einer besseren Welt haben zu menschlichem Selbsthass geführt. Der „Gebärstreik“, der da mit missionarischem Eifer inszeniert wird, kommt im Gewand moralischer Überlegenheit daher wie viele Dinge, die gut gemeint sind.

Aber Selbsthass ist etwas anderes als Nachdenken darüber, wo wir Fehler machen und was wir besser machen können. Selbsthass trägt religiöse, ja totalitäre Züge. Diese Religion glaubt, sie wisse schon alles und müsse ihre eigene Sicht gegen „ungläubige Kritiker“ durchsetzen. Sie glaubt, sie habe alles selber in der Hand, ja, sie müsse „den Planeten retten“. Darunter tut sie es nicht.

"Den Planeten“ wird mit ziemlicher Sicherheit niemand retten. Das „Ende der Zeiten“ wollten schon viele vorhergesehen haben. Manche glauben bis heute, es berechnen zu können, wenn auch mit moderneren Zahlenspielen. 

Der christliche Glaube weiß, dass Menschen fehlbar sind, manchmal auch richtig böse. Gefährlich wird es aber auch, wenn wir das Gut-sein-Wollen auf die Spitze treiben und uns damit selber an die Stelle Gottes setzen. Innehalten und Staunen über das Leben – dass es gut ist: das ist vielleicht der wichtigste Grund, weshalb eine christliche Gemeinde zum Gottesdienst zusammenkommt. Es sind die Momente, in denen ein Lichtschein unsere Skepsis, unser Misstrauen, unsere Sorgen durchbricht, mit denen wir die Welt betrachten. Dass jedes neugeborene Kind keine von seinen Eltern „in die Welt gesetzte Umweltsünde“, sondern ein Geschöpf Gottes ist, davon ist überzeugt

mit herzlichen Sommergrüßen

Ihr Pfarrer